Geschichte

Die Republik Kugelmugel

Ein kurzer Abriss zur Geschichte und Entstehung der Republik Kugelmugel

Die sogenannte Republik Kugelmugel war zu Beginn als kugelförmiges Atelier des Vorarlberger Künstlers Edwin Lipburger intendiert, dessen Konzept er selbst entwickelte. Er selbst arbeitete sechs Jahre lang an der Idee des Kugelhauses, der sogenannten „Sphaera 2000“, bevor diese 1971 verwirklicht wurde. Die Errichtung der Sphaera 2000 erfolgte mit Hilfe des Sohnes von Lipburger, Nikolaus, auf dem Grundstück eines Landwirtes im niederösterreichischem Katzelsdorf, wenige Kilometer von Wiener Neustadt entfernt. Als Baumaterial wurden zahlreiche Holzelemente verwendet, die zum Schutz vor der Witterung mit Zinkblech verkleidet wurden.1

Da Lipburger das kugelförmige Gebäude im Jahr 1971 ohne Baugenehmigung errichtete, kam es kurze Zeit später zu einem Rechtsstreit mit dem Land Niederösterreich, dessen Bauordnung das Errichten von bewohnbaren kugelrunden Häusern untersagte. Um sich den Forderungen der Behörden zu widersetzen, erklärte Lipburger sein Kugelhaus zu einem 1976 eigenem Ort namens „Kugelmugel“. 2 Anhand dieser Aktion wollte der Künstler die Absurdität und Willkürlichkeit behördlicher Handlungen aufzeigen und gegen diese protestieren indem er sich selbst zum Bürgermeister seines Ortes machte. Die Gemeinde Kugelmugel umfasste dabei die Sphaera 2000, einen Schranken mit Wachposten sowie eigene Ortstafeln, von denen es mehrere Versionen gibt.

In späterer Folge kam es aufgrund der Zuspitzung des Rechtsstreites mit den amtlichen Behörden zur Umwandlung der Ortschaft Kugelmugel in ein Bundesland, welches wenig später von Lipburger zur Republik „Kugelmugel“ erklärt wurde.3 Lipburgers Protestaktion gegen die amtliche Gewalt des Landes Niederösterreich führte in Folge dazu, dass er wegen des Aufstellens von Ortstafeln aufgrund von „Amtsanmaßung“ geklagt und im Jahr 1979, nach mehreren Verhandlungen in Wiener Neustadt, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.4

Diese verbüßte Lipburger für 10 Wochen, bis er vom damaligen Bundespräsident Kirchschläger begnadigt wurde. Der gesamte Rechtsstreit zwischen Lipburger und der Republik sorgte weit über die österreichische Medienlandschaft hinaus für Aufsehen und entzündete kontroverse Diskussionen darüber, wie der österreichische Staat mit künstlerischer Freiheit umgeht. Die Verurteilung Lipburgers traf in weiten Teilen der österreichischen Bevölkerung auf Unverständnis.

Beispielsweise wurden Sexualstraftäter begnadigt, doch Lipburger für sein künstlerisches Projekt bestraft. Absurderweise wurde, fast zeitgleich mit Lipburgers Inhaftierung, der von Kunstschaffenden ins Leben gerufene Freistaat „Artopia“ in der Tiroler Gemeinde Alpbach von Vertretern der österreichischen Politik goutiert. Erst der Vergleich des unterschiedlichen politischen Verfahrens zwischen „Artopia“ und „Kugelmugel“ brachte Kirschläger zum Entschluss den Künstler Lipburger zu begnadigen.5

In den frühen 1980er Jahren erfolgte der Abrissbescheid der Sphaera 2000, worauf es zu der Überlegung kam, die Republik Kugelmugel in ein anderes Bundesland zu übersiedeln. Als Übersiedelungsort stand zu Beginn der Verhandlungen die burgenländische Nachbargemeinde Neudörfl zur Debatte, allerdings scheiterte die Umsetzung an juristischen Schwierigkeiten.6 Ein weiteres Angebot zur Umsiedelung von Kugelmugel wurde von dem ehemaligen Wiener Bürgermeister und Kulturstadtrat Helmut Zilk7 gestellt, welches von Lipburger anfangs akzeptiert wurde. Dabei sollte die Republik Kugelmugel nach Wien überstellt werden und dort ein eigenes Grundstück erhalten. Entgegen Lipburgers Vereinbarungen mit Zilk im Jahr 1982, wurde Kugelmugel jedoch in den Wiener Prater verlegt und erhielt nur die Untermiete eines von der Stadt Wien bereits verpachteten Grundstücks. Darüber hinaus wurden weder Wasser- noch Stromanschluss bereitgestellt, was die Nutzung der Republik Kugelmugel beinahe unmöglich machte.8 Dies resultierte in einem fortdauernden Rechtstreit mit der Stadt Wien und der Pächterin des Grundstücks, der letztendlich dazu führte, dass das die Sphaera 2000 samt zugehörigem Grundstück als „Kuriosum“ im Prater über Jahre hinweg dahinvegetierte.

Im Jahr 2015 verstarb der Gründer der Republik Kugelmugel, Edwin Lipburger, worauf sein Sohn Nikolaus in dessen Fußstapfen trat. Im Frühjahr 2016 wurde ein Symposium innerhalb Kugelmugel einberufen, in welchem die künstlerische Nutzung des öffentlichen Raumes besprochen wurde. Dabei wurde die Entscheidung gefällt, die Republik Kugelmugel wieder verstärkt als Raum für künstlerische Ausstellungen zur Verfügung zu stellen, was bereits im April desselben Jahres erfolgte.9

1 Kärntner Tageszeitung, 114, 1971, S. 24.

2 Der Standard, Wochenendausgabe, 24./25. Juni 2017, S. 25.

3 Österreichische Juristen-Zeitung, 39/8, 20. April 1984, S. 197.

4 Kronen Zeitung, 25. Mai 1979, S. 13.

5 Kronen Zeitung, 6. September 1979, S.8.

6 Kronen Zeitung, 10. November 1974, S. 16.

7 Hierbei wurde dem Baukunstwerk ein eigenes Grundstück zugesagt, in welcher dieses als Atelier und Galerie genutzt werden sollte. Der Baugrund sollte hierbei in den Besitz Edwin Lipburgers und seines Sohnes übergehen. Darüber hinaus erklärte sich der ehemalige Kulturstadtrat dazu bereit für Kosten der Übersiedelung des Bauwerks aufzukommen (Brief Edwin Lipburgers an die Wiener Staatsanwaltschaft, 10. März 2008.).

8 Der Standard, Wochenendausgabe, 24./25. Juni 2017, S. 25.

9 Falter, 9/16, Praterbeitrag, S. 45.

(c)2018 Republik Kugelmugel